Ich weiß! Gäbe man mir einen Euro für jeden Post welchen ich in den letzten Jahren auf meiner Homepage so begonnen habe…wir wissen alle, worauf das hinauslaufen würde, und das will ja nun auch keiner. Dennoch: Früher lag es an meinem nicht unbedingt auf Aktualität ausgelegten Sitedesign – heute liegt es daran, dass ich mir in einer extremst gewalttätigen Prozedur alle überflüssigen Mandeln aus dem Rachen habe herausreißen lassen. Nach längerer Rekonvaleszenz bin ich nun endlich wieder in der Lage zu sprechen und somit auch, leider, zu arbeiten. Aber: Der Reihe nach, denn: So ein paar schäbige Mandeln sollen nun nicht der einzige Grund sein, welchen ich hier vorschiebe, um meine Faulheit gekonnt zu vertuschen. Nein. Zwischendurch musste noch kurz das Studium, zumindest offiziell, abgeschlossen werden, und was viel wichtiger ist, die sich im Laufe der Zeit angehäuften Unterlagen/Papiere/Zettel/Schmierblätter wollte ordnungsgemäß entsorgt sein. Und DAS…nunja. Schon erstaunlich, wie viel geschriebenes ein Mensch so aufbewahren kann, ohne dass es zwischen zwei Buchdeckel gepresst sein muss. Erstaunlicher nur, dass Mensch vor eben diesem losen Blattwerk lediglich ein Promille des Respekts aufbringt, welcher für Bücher reserviert zu sein scheint. Ich ertappe mich selbst dabei, obskure Bücher mit Titeln wie „Der Betroffensheitskult“ oder „Film-Fernsehen-Video – Ein Leitfaden für die Praxis“ (immerhin Erscheinungsjahr 1986, und damit in dieser Branche noch topaktuell) wiederholt in meinem Regal vorzufinden. Wohingegen ich die gesammelten Werke von Rilke in loser, kopierter Blattsammlung ohne mit der Wimper zu zucken ins Altpapier befördere. Wer nun aufschreit und einwenden will „Bücher kosten aber doch Geld!“ dem möchte ich entgegnen „Kopien auch. Und auch ein einmal erhobener Kaufpreis, zumal in D-Mark oder welche Währung auch immer damals gerade en Vogue war, garantiert leider keine immerwährende Daseinsberechtigung!“
Vielleicht liegt es an der emotionalen Bindung, welche man mit Gütern einzugehen pflegt. Kopien sind Verbrauchsgüter, Bücher…scheinbar nicht. Vielleicht sollte mal ein schlauer Verleger diverse Blogs ausdrucken und als Bücher verkaufen. Da ließe sich bestimmt der eine oder andere Euro mit machen, denn schließlich muss das Geschriebene nichteinmal sonderlich hochwertig sein, die Tatsache an sich, dass es in Buchform existiert scheint Beweis genug. Zumindest scheint es mir bei einigen Neuerscheinungen so zu sein. Aber, genug der Schelte. Spannendes.
Jetzt, da der ganze Kopierkram aus dem Weg ist existiert natürlich viel Platz für neuen Kopier- und Papierkram, und derweil bin ich schwer damit beschäftigt, diesen leeren Raum mit Notizen zu meinem wundervollen Krimi mit dem klingenden Arbeitstitel „Tauwetter“ zu füllen. Und für alle, welche nicht wieder bis Guten Tacheles (22. Mai in der DEW21, Dortmund, nur so zur Info) warten möchten um wieder was von Kies zu hören oder bereits die Kurzgeschichten auswendig kennen: Der Prolog von „Tauwetter“ mit dem klingenden Namen:
Die Sache mit den Fotos und Lindes Elefantenmann
Die Nummer war ein einziges Klischee.
Natürlich regnete es.
Natürlich war es dunkel, und die Neonlampen im Eingangsbereich von Lindemanns Fitnessklitsche flackerten fast im Takt zum russischen Dancefloor, der von gegenüber rüberwaberte.
Eigentlich fehlten nur noch 15 Typen vom BND, allesamt in Trenchcoats und kackbraunen Schuhen, an denen sich die Jungs scheinbar gegenseitig erkannten, aber da waren nur Norbert und ich.
Der hagere Typ mit Halbglatze und Windjacke umarmte ein braunes Couvert das den Gegenwert eines Kleinwagens enthielt. Wenigstens hatte er auf den schwarzen Lederkoffer verzichtet.
Ich kannte Norbert 25 Jahre, und konnte ihn seit 20 davon ganz gut leiden. Ausserdem half er mir bei der kreativen Buchführung um die Geier vom Finanzamt aus meinen diversen Nebentätigkeiten rauszuhalten für welche es kein Kreuzchen auf dem Formular gab.
„Schiss?“ raunte ich ihm zu.
Norbert schwieg und wischte sich den Regen von der Stirn als wäre es Angstschweiß.
Die Schiebetüren glitten zur Seite und wir betraten Lindemanns Studio.
Ich hatte mir viele Gedanken gemacht wie ein Laden namens „24-Stunden-Kraftraum-und-Sauna-Lindemann“ wohl von innen aussehen mochte, und ich wurde nicht enttäuscht.
Ein ungesundes blau an den Wänden vermischte sich mit ernstem Schimmelbefall, das inzwischen graue Laminat warf Beulen und jeder Schritt entriss ihm ein unappetitlich schmatzendes Geräusch, als würde man auf Regenwürmern herumrutschen.
In der Mitte der kleinen Halle standen trostlos Trainingsgeräte herum. Keine Fahrräder oder Crosstrainer oder sonstiger Weiberscheiß. Hier wurde gepumpt, und sonst nichts.
Lindemann stand an einem Regal mit kurzen Hanteln, feinste Ballonseide, ein weißes Handtuch um die Schultern, rauchte mit der einen, stemmte 10 Kilo mit der anderen. Keine Ahnung, was dieser Auftritt bei uns bewirken sollte, aber es funktionierte nicht.
Lindemann war ein Clown, nichts weiter, ein Depp der nichts davon hielt, persönlich Hand an irgendwen zu legen, da das in der Regel damit endete, dass er die Fresse poliert bekam.
Ich selbst war bisher noch nicht unter den Glücklichen gewesen, aber vielleicht würde sich das heute Nacht ändern.
Eigentlich ging mich die Sache zwischen Norberts Schwager und Lindemann nichts an, aber durch die Sache mit der Steuer war ich irgendwie in der Pflicht.
Zugegeben, Wiebold war nur noch auf dem Papier mit Norbert verschwägert, aber die beiden hatten lang genug gemeinsam unter Norberts Schwester leiden müssen, und sowas verband eben.
Als dann die Photos mit der Kleinen Auftauchten, die sich nachts auf 9Live solange auszog, bis irgendjemand es schaffte, alle Tiere ohne A im Namen aufzuzählen hatte Wiebold Norbert für den heiklen Kram eingespannt. Als Stadtrat überließ man den Erpressungskram eben seinem persönlichen Referenten. Und wenn man keinen hatte, dann eben dem Schwager und seinem übergewichtigen Schulkollegen. Ganz egal, ob die nun auch CDU wählten oder nicht.
„Kies. Was machst du denn hier?“
Lindemanns Stimme klapperte kumpelhaft durch den Raum.
„Ich bin nur die Abendbegleitung.“
Lindemann schmunzelte. Die Tür der Umkleide schwang auf und ein enormer Klumpen Mensch schob sich daraus hervor. Die Hose schien aus einem ganzen Fallschirm zu bestehen und der Typ sah aus als würde er jeden Tag einen Elefanten frühstücken. Sein schwarzer Bart ging nahtlos in die Augenbrauen über, und das tätowierte Spinnennetz auf seinem Ellenbogen sprach Bände.
„Das ist meine Abendbegleitung.“
„Schick. Hast du den selbst gefangen oder kann man sowas einfach im Laden kaufen?“
Der Elefantenmann verzog keine Miene während er neben Lindemann Position bezog.
Norbert sah mich flehend an. Ich tätschelte ihm die Schulter und zog ihn hinter mir her, Lindemann und seinem bizarren Geschöpf entgegen.
Linde schnippte die Kippe achtlos zwischen die Drückbänke und grinste Norbert an.
Norbert rang sich eine Grimasse ab die irgendwo zwischen Furcht und Ratlosigkeit in Apathie entgleiste.
„Die Kohle?“
Lindemann nickte in Richtung Umschlag.
„Erst die Fotos.“ Knurrte ich.
Er sah mich abfällig an.
„Ich rede grad mit Kollege Schnürschuh hier übers Geschäft. Du hast erstmal Sendepause.“
Schwungvoll drückte er mir die Hantel in die Linke.
„Spiel so lang damit, okay?“
Dann wandte er sich wieder Norbert zu.
„Also, die Kohle?“
„Ich möchte bitte erst die Bilder sehen.“
Norbert hatte sich inzwischen gefangen. Er war zwar immer noch das Abziehbild eines Steuerberaters, aber immerhin schien er sich langsam akklimatisiert zu haben. Vielleicht war es auch nur der Tunnelblick, der ihn scheinbar davon abhielt, den Koloss neben Lindemann aktiv wahrzunehmen. Irgendwie schien der Typ mit jedem Wort von Lindemann zu wachsen. Subjektiv geschätzt hatte er sich inzwischen auf gute zwei mal Marlon Brando in den besten Jahren ausgedehnt, und es war kein Ende in Sicht. Neben ihm wirkte ich mit meinen 120 Kilo auf 1,70 geradezu elfenhaft.
„Erst die Bilder?“
„Ja. Erst die Bilder.“
Sollte es wirklich unangenehm werden steckten wir tief in der Scheiße.
Ein Schlag von diesem Monster würde mich fällen wie einen Baum, soviel war mal klar.
Normalerweise umging ich diese Problematik, indem ich unerwartet und prophylaktisch zuerst zuschlug um dann die Verhandlungen zu beginnen, aber da das hier keine Kneipe war, in die ich hereinschneien und wortlos dem nächstbesten Klotz den Schädel auf den Tresen hämmern konnte um meinen Standpunkt klarzustellen musste ich mir was anderes einfallen lassen.
Ich war nicht so gut im Reden, dazu wurde ich viel zu schnell ausfallend, und allein optisch wirkte ich mit meinem von Bier und Zigaretten gestählten Körper nicht sonderlich einschüchternd.
Mein einziger Vorteil bestand darin, dass ich mir für nichts zu fies war.
Viele Menschen hatten Skrupel, direkt ins Gesicht zu schlagen, aber ich konnte Jedem ohne Zögern ein volles Bierglas gegen den Schädel trümmern. Das machte Eindruck.
„Du kannst dir deine Scheiß Bilder sonstwohin schmieren…“ fauchte Linde und zog sich das Handtuch vom Nacken
„…wenn ich nicht sofort die Knete sehe!“
„Bitte, ich möchte zuerst die Bilder sehen.“
Langsam wurde Lindemann wütend. Norbert sah zwar aus wie ein Würstchen, aber er war hartnäckig. Ich spielte mit der Hantel und sah mir das Ganze amüsiert an. Sogar der Elephant konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Der lange Lindemann schnaubte inzwischen.
„Deine Scheiß Bilder.“
Er zog einen weißen Umschlag hinten aus dem Hosenbund und wedelte damit vor Norberts Gesicht hin und her.
„Und jetzt gib mir die SCHEIß KOHLE!“
Norbert wich vor den Spuckefäden zurück, die sich Spinnennetzartig aus Lindemanns Mund in alle Richtungen schlängelten während er schrie.
Dann reichte er ihm vorsichtig den Geldumschlag.
Linde riß das Ding auf und zählte nach, die Bilder noch immer in der Hand.
„Wenn ich dann jetzt bitte die Bilder haben könnte?!“
Seine Augen zuckten hoch. Vom Geld zu Norberts Gesicht.
Mit einer ruckartigen Bewegung drückte er dem Giganten neben ihm die Kohle an den Bauch.
„Der Preis, Freundchen, hat sich gerade verdoppelt.“
Norbert war verwirrt, sah mich an, dann wieder Lindemann und fragte verständnislos „und aus welchem Grund?“
„Weil ihr Arschlöcher seid. Deshalb.“
So sehr mich das alles bisher amüsiert hatte, und auch auf die Gefahr, gleich ordentlich auf die Fresse zu bekommen machte ich einen kurzen Schritt auf Lindemann zu und schob meinen Zeigefinger vor sein Gesicht.
„Hör mal zu, Lindemann.“
Weiter kam ich nicht. Der Riese packte mein Handgelenk und drückte zu.
„Mach hier nich den Dicken, Kies.“
Mein Handgelenk knirschte ein wenig…
„Wenn ich sage, dass sich der Preis verdoppelt…“
…und meine Hand wurde taub.
„…dann is das so, kapiert? Also sieh zu dass du die Kohle ranschaffst, sonst is Essig mit den Fotos. Ist.Das.Klar?“
Langsam drückte mich Lindemanns Affenmensch nach unten.
Linde selbst lächelte nur triumphierend.
Norbert war inzwischen zu Salz geworden. Keine Ahnung.
„Ob.Das.Klar.Ist?“
Natürlich war das klar. Das Problem war nur, dass ich nicht den geringsten Bock hatte, nochmal hier aufzulaufen, und schon garnicht, um Lindemanns 24-Stunden-Steroid-Bude mit noch mehr Kohle zu sponsern. Ob das hingegen Lindemann ganz klar war bezweifelte ich.
Um also meinen Standpunkt auf für Lindemann verständlich zu machen holte ich mit dem linken Arm weit aus und ballerte Lindes Vollstrecker die Hantel in die Eier. Der Typ verlor an Form wie ein randvoll gepumpter Luftballon den man zum fliegen losließ, und auch das Geräusch kam der Sache ziemlich nahe.
Eine schlaffe Hand baumelte lose an meinem Handgelenk, klatschte dann kraftlos zu Boden.
„Is völlig klar, Linde…“ murmelte ich dann in sein Ohr,
„…aber so wird das nich laufen. Wir werden uns jetzt die Fotos greifen und hier rausspazieren. Okay? Sollte ich mitbekommen, dass irgendwer den Wiebold nochmal mit den Bildern hier anzupissen versucht, komm ich bei dir zu Hause vorbei. Und dann wird das nicht so zärtlich wie mit Cinderella hier. Klar soweit?“
Lindemann dachte kurz nach. Dann seufzte er und schob mir den Umschlag mit den Bildern in die Hand.
Norbert erwachte inzwischen aus dem Koma.
„Bernd, vielleicht sollten wir…“
Ich lächelte Linde an.
„Ja, sollten wir. Schönen Abend noch, Lindemann.“
Dann schlenderten wir gemächlich in Richtung Ausgang.
Auf halber Strecke ließ ich die Hantel auf den Hallenboden krachen.
Ich war guter Laune.
Leider hatten die Dinge die Angewohnheit, wesentlich schlimmer zu werden, wenn ich gut gelaunt war. Würde wohl auch diesmal so sein. Aber ich kam damit ganz gut zurecht.
Natürlich regnete es.
Natürlich war es dunkel, und die Neonlampen im Eingangsbereich von Lindemanns Fitnessklitsche flackerten fast im Takt zum russischen Dancefloor, der von gegenüber rüberwaberte.
Eigentlich fehlten nur noch 15 Typen vom BND, allesamt in Trenchcoats und kackbraunen Schuhen, an denen sich die Jungs scheinbar gegenseitig erkannten, aber da waren nur Norbert und ich.
Der hagere Typ mit Halbglatze und Windjacke umarmte ein braunes Couvert das den Gegenwert eines Kleinwagens enthielt. Wenigstens hatte er auf den schwarzen Lederkoffer verzichtet.
Ich kannte Norbert 25 Jahre, und konnte ihn seit 20 davon ganz gut leiden. Ausserdem half er mir bei der kreativen Buchführung um die Geier vom Finanzamt aus meinen diversen Nebentätigkeiten rauszuhalten für welche es kein Kreuzchen auf dem Formular gab.
„Schiss?“ raunte ich ihm zu.
Norbert schwieg und wischte sich den Regen von der Stirn als wäre es Angstschweiß.
Die Schiebetüren glitten zur Seite und wir betraten Lindemanns Studio.
Ich hatte mir viele Gedanken gemacht wie ein Laden namens „24-Stunden-Kraftraum-und-Sauna-Lindemann“ wohl von innen aussehen mochte, und ich wurde nicht enttäuscht.
Ein ungesundes blau an den Wänden vermischte sich mit ernstem Schimmelbefall, das inzwischen graue Laminat warf Beulen und jeder Schritt entriss ihm ein unappetitlich schmatzendes Geräusch, als würde man auf Regenwürmern herumrutschen.
In der Mitte der kleinen Halle standen trostlos Trainingsgeräte herum. Keine Fahrräder oder Crosstrainer oder sonstiger Weiberscheiß. Hier wurde gepumpt, und sonst nichts.
Lindemann stand an einem Regal mit kurzen Hanteln, feinste Ballonseide, ein weißes Handtuch um die Schultern, rauchte mit der einen, stemmte 10 Kilo mit der anderen. Keine Ahnung, was dieser Auftritt bei uns bewirken sollte, aber es funktionierte nicht.
Lindemann war ein Clown, nichts weiter, ein Depp der nichts davon hielt, persönlich Hand an irgendwen zu legen, da das in der Regel damit endete, dass er die Fresse poliert bekam.
Ich selbst war bisher noch nicht unter den Glücklichen gewesen, aber vielleicht würde sich das heute Nacht ändern.
Eigentlich ging mich die Sache zwischen Norberts Schwager und Lindemann nichts an, aber durch die Sache mit der Steuer war ich irgendwie in der Pflicht.
Zugegeben, Wiebold war nur noch auf dem Papier mit Norbert verschwägert, aber die beiden hatten lang genug gemeinsam unter Norberts Schwester leiden müssen, und sowas verband eben.
Als dann die Photos mit der Kleinen Auftauchten, die sich nachts auf 9Live solange auszog, bis irgendjemand es schaffte, alle Tiere ohne A im Namen aufzuzählen hatte Wiebold Norbert für den heiklen Kram eingespannt. Als Stadtrat überließ man den Erpressungskram eben seinem persönlichen Referenten. Und wenn man keinen hatte, dann eben dem Schwager und seinem übergewichtigen Schulkollegen. Ganz egal, ob die nun auch CDU wählten oder nicht.
„Kies. Was machst du denn hier?“
Lindemanns Stimme klapperte kumpelhaft durch den Raum.
„Ich bin nur die Abendbegleitung.“
Lindemann schmunzelte. Die Tür der Umkleide schwang auf und ein enormer Klumpen Mensch schob sich daraus hervor. Die Hose schien aus einem ganzen Fallschirm zu bestehen und der Typ sah aus als würde er jeden Tag einen Elefanten frühstücken. Sein schwarzer Bart ging nahtlos in die Augenbrauen über, und das tätowierte Spinnennetz auf seinem Ellenbogen sprach Bände.
„Das ist meine Abendbegleitung.“
„Schick. Hast du den selbst gefangen oder kann man sowas einfach im Laden kaufen?“
Der Elefantenmann verzog keine Miene während er neben Lindemann Position bezog.
Norbert sah mich flehend an. Ich tätschelte ihm die Schulter und zog ihn hinter mir her, Lindemann und seinem bizarren Geschöpf entgegen.
Linde schnippte die Kippe achtlos zwischen die Drückbänke und grinste Norbert an.
Norbert rang sich eine Grimasse ab die irgendwo zwischen Furcht und Ratlosigkeit in Apathie entgleiste.
„Die Kohle?“
Lindemann nickte in Richtung Umschlag.
„Erst die Fotos.“ Knurrte ich.
Er sah mich abfällig an.
„Ich rede grad mit Kollege Schnürschuh hier übers Geschäft. Du hast erstmal Sendepause.“
Schwungvoll drückte er mir die Hantel in die Linke.
„Spiel so lang damit, okay?“
Dann wandte er sich wieder Norbert zu.
„Also, die Kohle?“
„Ich möchte bitte erst die Bilder sehen.“
Norbert hatte sich inzwischen gefangen. Er war zwar immer noch das Abziehbild eines Steuerberaters, aber immerhin schien er sich langsam akklimatisiert zu haben. Vielleicht war es auch nur der Tunnelblick, der ihn scheinbar davon abhielt, den Koloss neben Lindemann aktiv wahrzunehmen. Irgendwie schien der Typ mit jedem Wort von Lindemann zu wachsen. Subjektiv geschätzt hatte er sich inzwischen auf gute zwei mal Marlon Brando in den besten Jahren ausgedehnt, und es war kein Ende in Sicht. Neben ihm wirkte ich mit meinen 120 Kilo auf 1,70 geradezu elfenhaft.
„Erst die Bilder?“
„Ja. Erst die Bilder.“
Sollte es wirklich unangenehm werden steckten wir tief in der Scheiße.
Ein Schlag von diesem Monster würde mich fällen wie einen Baum, soviel war mal klar.
Normalerweise umging ich diese Problematik, indem ich unerwartet und prophylaktisch zuerst zuschlug um dann die Verhandlungen zu beginnen, aber da das hier keine Kneipe war, in die ich hereinschneien und wortlos dem nächstbesten Klotz den Schädel auf den Tresen hämmern konnte um meinen Standpunkt klarzustellen musste ich mir was anderes einfallen lassen.
Ich war nicht so gut im Reden, dazu wurde ich viel zu schnell ausfallend, und allein optisch wirkte ich mit meinem von Bier und Zigaretten gestählten Körper nicht sonderlich einschüchternd.
Mein einziger Vorteil bestand darin, dass ich mir für nichts zu fies war.
Viele Menschen hatten Skrupel, direkt ins Gesicht zu schlagen, aber ich konnte Jedem ohne Zögern ein volles Bierglas gegen den Schädel trümmern. Das machte Eindruck.
„Du kannst dir deine Scheiß Bilder sonstwohin schmieren…“ fauchte Linde und zog sich das Handtuch vom Nacken
„…wenn ich nicht sofort die Knete sehe!“
„Bitte, ich möchte zuerst die Bilder sehen.“
Langsam wurde Lindemann wütend. Norbert sah zwar aus wie ein Würstchen, aber er war hartnäckig. Ich spielte mit der Hantel und sah mir das Ganze amüsiert an. Sogar der Elephant konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Der lange Lindemann schnaubte inzwischen.
„Deine Scheiß Bilder.“
Er zog einen weißen Umschlag hinten aus dem Hosenbund und wedelte damit vor Norberts Gesicht hin und her.
„Und jetzt gib mir die SCHEIß KOHLE!“
Norbert wich vor den Spuckefäden zurück, die sich Spinnennetzartig aus Lindemanns Mund in alle Richtungen schlängelten während er schrie.
Dann reichte er ihm vorsichtig den Geldumschlag.
Linde riß das Ding auf und zählte nach, die Bilder noch immer in der Hand.
„Wenn ich dann jetzt bitte die Bilder haben könnte?!“
Seine Augen zuckten hoch. Vom Geld zu Norberts Gesicht.
Mit einer ruckartigen Bewegung drückte er dem Giganten neben ihm die Kohle an den Bauch.
„Der Preis, Freundchen, hat sich gerade verdoppelt.“
Norbert war verwirrt, sah mich an, dann wieder Lindemann und fragte verständnislos „und aus welchem Grund?“
„Weil ihr Arschlöcher seid. Deshalb.“
So sehr mich das alles bisher amüsiert hatte, und auch auf die Gefahr, gleich ordentlich auf die Fresse zu bekommen machte ich einen kurzen Schritt auf Lindemann zu und schob meinen Zeigefinger vor sein Gesicht.
„Hör mal zu, Lindemann.“
Weiter kam ich nicht. Der Riese packte mein Handgelenk und drückte zu.
„Mach hier nich den Dicken, Kies.“
Mein Handgelenk knirschte ein wenig…
„Wenn ich sage, dass sich der Preis verdoppelt…“
…und meine Hand wurde taub.
„…dann is das so, kapiert? Also sieh zu dass du die Kohle ranschaffst, sonst is Essig mit den Fotos. Ist.Das.Klar?“
Langsam drückte mich Lindemanns Affenmensch nach unten.
Linde selbst lächelte nur triumphierend.
Norbert war inzwischen zu Salz geworden. Keine Ahnung.
„Ob.Das.Klar.Ist?“
Natürlich war das klar. Das Problem war nur, dass ich nicht den geringsten Bock hatte, nochmal hier aufzulaufen, und schon garnicht, um Lindemanns 24-Stunden-Steroid-Bude mit noch mehr Kohle zu sponsern. Ob das hingegen Lindemann ganz klar war bezweifelte ich.
Um also meinen Standpunkt auf für Lindemann verständlich zu machen holte ich mit dem linken Arm weit aus und ballerte Lindes Vollstrecker die Hantel in die Eier. Der Typ verlor an Form wie ein randvoll gepumpter Luftballon den man zum fliegen losließ, und auch das Geräusch kam der Sache ziemlich nahe.
Eine schlaffe Hand baumelte lose an meinem Handgelenk, klatschte dann kraftlos zu Boden.
„Is völlig klar, Linde…“ murmelte ich dann in sein Ohr,
„…aber so wird das nich laufen. Wir werden uns jetzt die Fotos greifen und hier rausspazieren. Okay? Sollte ich mitbekommen, dass irgendwer den Wiebold nochmal mit den Bildern hier anzupissen versucht, komm ich bei dir zu Hause vorbei. Und dann wird das nicht so zärtlich wie mit Cinderella hier. Klar soweit?“
Lindemann dachte kurz nach. Dann seufzte er und schob mir den Umschlag mit den Bildern in die Hand.
Norbert erwachte inzwischen aus dem Koma.
„Bernd, vielleicht sollten wir…“
Ich lächelte Linde an.
„Ja, sollten wir. Schönen Abend noch, Lindemann.“
Dann schlenderten wir gemächlich in Richtung Ausgang.
Auf halber Strecke ließ ich die Hantel auf den Hallenboden krachen.
Ich war guter Laune.
Leider hatten die Dinge die Angewohnheit, wesentlich schlimmer zu werden, wenn ich gut gelaunt war. Würde wohl auch diesmal so sein. Aber ich kam damit ganz gut zurecht.